Inhalt

 Arnica D 30

  1. Worauf fußt meine Methode, ein homöopathisches Mittel zu wählen?
  2. Wie gehe ich vor?
  3. Was ist letztlich wahlentscheidend?

Voraussetzung

Aus meiner Sicht ist jedes homöopathische Mittel holistisch, es betrifft also den ganzen Menschen. Da meine Wahrnehmung jedoch nur begrenzt ist und sie sich durch meine Lebensweise sowie meine Vorstellungen bedingt, bekomme ich von der Ganzheit meines Gegenübers nur einen Teil mit. Da jedoch Patienten ihre Behandler frei wählen und aufgrund des Resonanzgesetzes immer auf diejenigen Therapeuten stoßen, die ihrem Bild vom Leben entsprechen, kann ich hoffen, im Rahmen meiner Möglichkeiten auch die für den Patienten entscheidenden Faktoren zu erkennen. Da mir per se keine andere Möglichkeit bleibt, gehe ich von diesem Grundsatz aus.

Vorgehensweise

Wenn ein kranker Mensch meine Räume betritt und sich in meinem Sprechzimmer niederlässt, leite ich unser Gespräch mit einer der drei Fragen ein:

  1. Was führt Sie zu mir?
  2. Was haben Sie?
  3. Was fehlt Ihnen?

Die Fragen sind bewusst allgemein gewählt, um meinem Gegenüber die Möglichkeit zu lassen, sein Problem ganzheitlich zu beschreiben. Da die meisten Menschen es nicht gewöhnt ist, für ein solches Gespräch beim Therapeuten auch auf die Geduld und die Zeit zu stoßen, die ihm eine umfassende Beschreibung erlaubt, sprechen sie oft zuerst in schon vorher gehörten Metaphern bzw. Diagnosebegriffen, die der allgemein üblichen Mediziner-Sprache entnommen sind. Es dauert also eine Weile, bis sie auf ihr persönliches Missverhältnis zum Leben kommen.

Während dieser Worte schreibe ich mit, auch die medizinischen Termini.

Sind ihm diese geläufig, so hat der Mensch oft das Empfinden, diese Begriffe wie einen Besitz vor sich herzutragen und spricht deshalb oft von „meiner“ Krankheit; so wie er in anderen Gesprächen von „meinem“ Haus, „meinem“ Konto oder „meiner“ Segeljacht reden würde. Er leidet schon eine ganze Weile und hat sich mit „seinen“ Beschwerden irgendwie arrangieren müssen. Nun sind sie eine Art Besitzstand geworden, von dem er sich nicht sofort trennen möchte. Dieser Besitzstand garantiert ihm eine Art der Aufmerksamkeit, die er in seinem übrigen Leben nicht ausreichend empfindet. Darauf nehme ich Rücksicht.

Diese bisher gelebte Form des Lebens hat ihm seine Beschwerden beschert. Sie ist seine Grundvoraussetzung, nun nicht länger all die Kompromisse zu leben, zu denen er sich vormals entschlossen hatte, denn sie werden seiner Auffassung nicht länger gerecht. Es gibt also noch viel zu tun, neue Umstände mit neuen Vorstellungen zu schaffen, die ihm eine andere neue Art der Lebenssicht ermöglichen. Ein homöopathisches Mittel kann einen Anstoß in diese neue Richtung ermöglichen, doch ist es die Aufgabe des Menschen, diese neuen Faktoren für sich selbst zu diskutieren, um daraus eine andere Art von Lebensführung zu entwickeln. Es wird deshalb nicht bei der Gabe eines Mittels bleiben, falls wir ihm keine zusätzliche Anlaufstelle zur Lebensplanung benennen können.

In den ersten 10 Minuten

Aus den geschilderten Beschwerden suche ich diejenige heraus, die dem Patienten die Wichtigste ist, denn er kennt seine Voraussetzung, sei es bewusst oder unbewusst, am besten. Im Rahmen des ersten Gespräches wird er diese Beschwerde in den Vordergrund rücken. Wenn ich gut genug zuhöre, dann wird auch mir diese Betonung deutlich. Dieses Symptom bildet für mich die Grundauswahl möglicher Mittel.

Homöopathische Mittel habe ich bereits vorsortiert. Ich habe zwei Karteien angelegt, die mir eine Vorauswahl ermöglichen.

In der ersten befinden sich Mittel völlig unhomöopathisch sortiert nach diagnostischen Termini wie „Glomerulonephiritis“, „Gastritis“ oder ähnliches.

Die zweite Kartei durchläuft das Kopf-zu-Fuß-Schema, aufgeteilt in Organsysteme wie 1. allgemeine Krankheitsbilder, 2. Verdauungstrakt, 3. Atmungstrakt, 4. Urogenitaltrakt, 5. Herz, Kreislauf, Durchblutung, 6. Knochen und Muskulatur, 7. Haut und Drüsen, 8. Nervensystem. In dieser Kartei befinden sich typische Symptome, die sich homöopathisch zuordnen lassen.

Es ist also egal, welche Art seiner Beschwerdeschilderung der Mensch formuliert. Ich kann mit einer der beiden Karteien eine Vorauswahl starten.

Aus der ersten Auswahl

Unter den vorausgewählten Mitteln suche ich dasjenige aus, das mit seinen Modalitäten am besten zu dem Menschen passt. Auf diese Modalitäten konzentriere ich mich, denn diese sind im Allgemeinen dann wahlentscheidend.

Es gelingt jedoch nicht immer, hier sofort auf das in dieser Lebensphase richtige Mittel zu stoßen. Möglicherweise ist die Beschwerdeschilderung zu unspezifisch oder dem Menschen stehen nicht die richtigen Worte zur Verfügung. Nicht immer kann er einen Schmerz typisch schildern und sagt, es tät eben weh. „Es tut weh!“ findet sich jedoch in jedem zweiten Mittel in einer Materia Medica. Den Patienten nun zu fragen, ob der Schmerz „scharf“, „spitz“, „wie Splitter“ oder „dumpf“, „drückend“ oder „bohrend“ sei, ist oft nicht hilfreich, weil das Gegenüber seinem Therapeuten einen Gefallen tun möchte und dann einen hingeworfenen Begriff bestätigt, ohne dass dies tatsächlich der Fall ist. Genau genommen hat er seine Beschwerden so erfolgreich ignoriert, dass er es wirklich nicht präzise weiß. Hier weiter zu bohren, macht deshalb wenig Sinn und ist nicht zielführend.

Geschichten

Da jedes Hauptmittel auch eine Geschichte beschreibt, kann ich mich auf seine Schilderung rückbesinnen. Um dem Therapeuten plastisch deutlich zu machen, was ihm wichtig ist, benutzt der Mensch Adjektive, die seine Problematik besser einkreisen sollen. Die Eigenschaftswörter können wir auf die Mittelauswahl übertragen. „Ich halte den Druck nicht länger aus!“ entspricht der homöopathischen Definition „Druck verschlimmert“. „Ich werde immer attackiert, die bohren richtig nach, wenn sie….“ entspricht dann dem „bohrenden“ Schmerz.

Das menschliche Dasein ist holistisch, es ist ganzheitlich. Was dem Gefühl und dem Verstand widerfährt, macht sich auch im Körper bemerkbar, wenn Gefühl und Verstand keine Lösung für das Problem finden können. Es macht sich in genau der Form bemerkbar wie es auf das Seelenleben wirkt: bohrend, stechend, schneidend, (be-)drückend… Deshalb ist es wichtig, allen Worten des Patienten dasselbe Gewicht zu geben und diese Worte vorurteilsfrei zu bewahren. In den ersten 10 Minuten einer Ordination wird er sie schildern. Später können wir sie verwerten, wenn wir nach dem passenden Mittel suchen.

„Wahnidee“, Träume

Ein Teil der Mittel beschreiben auch die inneren Bilder des Menschen, die in der Homöopathie als „Wahnideen“ Einlass gefunden haben. Es sind scheinbar von der Realität abweichende Schilderungen, die aus der etwas anderen Sicht früherer Therapeuten wie ein „Wahn“ erscheinen mögen. Da wir alle darüber nur mit Menschen sprechen, denen wir äußerstes Vertrauen entgegenbringen, wird es eine Weile dauern, bis der Mensch sie uns berichtet.

„Ich sehe überall Gesichter“ erzählt uns vielleicht jemand, der von Angst umgetrieben wird. Dass wir selbst diese „Gesichter“ nicht sehen, erklärt sich leicht durch unsere Angstfreiheit. Fühlt sich aber jemand innerlich ständig überwacht, er könnte etwas „falsch“ machen, so wird er irgendein analoges Bild von „big brother“ haben, sich kontrolliert und überwacht fühlen. Da der Mensch emotional in Bildern denkt, erscheinen ihm diese „Überwacher“ dann vielleicht als „Gesichter“.

Oder es geht jemand über den Friedhof und empfindet hier viele Menschen, die anwesend zu sein scheinen. Vielleicht nimmt dieser Patient dann das innere Gespräch mit diesen Leuten auf, um diese Situation gesund erleben zu können. Davon wird er jedoch nur sprechen, wenn er sicher sein kann, dass uns das zum Einen nicht erschreckt (Patienten schützen ihre Behandler vor der eigenen Angst) und wir zum Anderen völlig wertfrei mit diesen Informationen umgehen (Patienten fürchten wie alle anderen Menschen auch, sie könnten für „irre, bekloppt oder nicht ganz richtig im Kopf“ eingestuft werden).

Wenn mir mein Gegenüber erzählt, dass er mit Blüten, Blumen und Bäumen spricht, so akzeptiere ich diese Aussage, zumal ich aus meiner Sicht nicht beurteilen kann, ob nicht vielleicht tatsächlich eine Kommunikation mit dem Pflanzenreich möglich ist.

All diese Vorstellungen können sich auch in Träumen darstellen, besonders gut verwertbar, wenn sie direkt nach dem Schlaf aufgezeichnet werden, denn dann sind sie noch nicht an die so genannte „Realität“ angepasst und verfälscht worden. Auch für Träume kann ich in den Mittelbeschreibungen Rubriken finden, die mich dem gesuchten Arzneimittel näher bringen können.

Die entscheidende Auswahl

Unter den in Frage kommenden Mitteln wähle ich das, was der ersten Schilderung am besten entspricht, gleichgültig, wie viele weitere Symptome ich noch verzeichnet habe.

Wir tendieren dazu, in der Anamnese oft zu viele Beschwerden aufzuzeichnen, die dann zu einem wahren Wust an Rubriken führen können. In solchen Fällen drängeln sich in der Analyse viele Mittel in den Vordergrund, die für die aktuelle Situation gar nicht zutreffend sind.

Deshalb ist es auch ungemein wichtig, vom eigenen Sendungsbewusstsein Abstand zu nehmen und jeden mit unserer Fähigkeit, homöopathisch erfolgreich arbeiten zu können, zu „beglücken“: Dieser Mensch hat uns nicht angesprochen, wird uns nicht die ersten 10 Minuten präsentieren, die eine gute Vorauswahl ermöglicht und zu den Hintergründen seines Krankseins schweigen. Auf dieser Grundlage können wir keine realistische Auswahl treffen. Vielmehr wird wenig auf eine Mittelgabe hin passieren, was dann nur uns und unsere Methode in einen schlechten Ruf bringen kann.

Aus diesem weisen, wenn auch vermutlich unbewussten Grund ist es durch den Gesetzgeber verboten, „Heilkunde im Umherziehen“ auszuüben. An diesen Grundsatz sollten wir uns also halten.

Heilung

Heilung selbst erfolgt immer durch die Ganzheit „Mensch“, nicht durch den Therapeuten, sein Heilmittel oder sonst einem von außen einwirkenden Faktor. Reparaturdienste lassen sich von außen zweifellos erwirken. Heilung jedoch ist die wieder hergestellte Harmonie des eigenen Seins und nur durch den Menschen selbst erreichbar. Hierbei ist es zweifellos legitim, jede verfügbare Krücke in Anspruch zu nehmen:

den Therapeuten, seine Methoden, weitere Methoden, neue Jobs, Lebenshelfer, Rituale, Lottogewinne und vieles andere mehr.

Für mich als Therapeuten steht in diesem Zusammenhang die Homöopathie als „Denkanstoß“ zu nutzen. Aber auch der Speiseplan, der Lebensrhythmus, das Wunschdenken, die Zielvorstellungen und technisch-bürokratische Maßnahmen kann ich möglich machen. Ich kann die Hände auflegen und das energetische Gleichgewicht des Menschen beeinflussen. Ich kann mit ihm über Rituale sprechen, die es ihm ermöglichen, Überflüssiges loszulassen und Erwünschtes anzuziehen. Rituale entsprechen dem Resonanzprinzip und können sich äußerst heilsam auswirken. Ich kann dem Menschen helfen, seine eigentlichen Ziele zu formulieren und in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu setzen. Ich kann mit Tipps und Ratschlägen Wege zeigen, das tägliche Leben zu vereinfachen. Wir können über persönliche Werte sprechen und wie legitim es ist, auch für sich selbst das Beste und Schönste zu wollen.

Ich habe also neben der Homöopathie noch viele Möglichkeiten, dem Menschen zu helfen, sein Leben eigenstabil, liebevoll, freudig und vertrauensvoll zu gestalten. Davon mache ich bei jeder Gelegenheit Gebrauch, da ihm diese Ideen anscheinend vor seinem Besuch bei mir noch nicht gekommen sind. Hier hängt viel von meiner Phantasie ab. Je besser ich mich jedoch in seine Situation hineinfühlen kann, desto einfacher ist es, für ihn etwas zu beschreiben und zu empfehlen, was er auch selbst erkennen und umsetzen kann. Wichtig muss mir dabei jedoch eines sein:

Alles, was ich empfehle, ist ein Hinweis – nur muss nicht jeder Hinweis angenommen werden!